Also weiter und fort.
Mühsam nur bewahrt man die Energie, ißt im Gehen, hastig, ein paar Stück Schokolade, eine Handvoll Nüsse, bleibt, um sich auszuruhen, immer nur einen Augenblick stehen, stützt die Last des Rucksackes auf anderen Muskelpartien ab, hinunter und weiter: über gebrochenen Stein, durch stockendes Wasser, über das erste auf Schwemmsandboden heraufwachsende Moor. Altschneereste sind im Lee verwitterter Schieferhügel geblieben, ein Grashang fällt steil zum Råvejávrre hinab. Und dort erst, in der sanften Sandstrandmulde am See, am Fuß von Felsenkuppen und Hügeln, hinter denen das Massiv des Fierro noch einmal quer zur Windrichtung hochsteigt, mäßigt sich das Toben, wird erträglicher, handhabbar.
Die Stille, die entsteht, wenn im Zelt endlich das Heulen und Dröhnen in den Ohren versiegt, ist fast greifbar. Ein winziger Raum der Ruhe verbleibt, man hört, wie die Wellen leise am grauschwarzen Sandstrand aufschlagen, und darum ist das scharfe Pfeifen einzelner Böen.
Kristallklares Wasser kräuselt sich sacht zu hauchzartem Wellenrand auf. Die unruhigen grauen Wasser des Sees beginnen im Licht der hervortretenden Sonne zu glitzern. Flüchtige Wärme entsteht und erlischt wieder im jagenden Wolkengrau, in tiefschwarz herunterziehenden Wolken.
Grüne Hänge und Felsen steigen im Halbkreis um einen hinauf. Auf dem flachen Sandboden der Bucht wächst Silene acaulis, lindgrüne Polster wölben sich üppig und blühen tiefrosa, bleichrosa herauf. Weiße Hornkrautblüten schimmern von der Seite herein. Knochenweiße, feinverzweigte Flechte durchwirkt grauen Sand, reicht fast bis zu dem wassergetränkten schwarz-dunklen Saum. Lappige Flechte bringt kleine Flächen von bronzener Farbe, von tiefdunklem Orange herein. Büschel von altem Süßgras flirren trocken und bleich, vermischen sich zu den Hügeln hin mit dem satten Dunkelgrün frisch getriebenen Grases.
Eiskalter Wind trifft einen, wenn man über den Sand die wenigen Schritte zum Ufer tut, hingekauert aus dem durchsichtig-klaren Wasser schöpft.
Auf der grauen Fläche des Sees glitzern Sonnenreflexe auf, scheint unversehens Saphirblau herauf. Ferne Gletscherberge dämmern im aufgerissenen Wolkengrau herauf, verschneite Gebirgsmassive treten hervor, das gewölbte Weiß eines nahen Nischengletschers leuchtet auf.
Dann sind wieder nur noch jagende Wolken da, ziehende schwarzdunkle Wolkenleiber, Sturmwind und Regen.
Im Nachhinein sind mir diese wenige Zeiten der Ruhe und Wärme sichtbar klar gegenwärtig, in prunkender Farbenpracht überdeutlich, und doch verschwindend klein im umfassenden Dröhnen und Brausen des grauschwarzen Wolkensturmes.
Die Rentiere sind heruntergekommen. Weibchen mit großen Geweihen, heranwachsende Kälber, fressen und ruhen, dahingeschmiegt in kleinen Gruppen, auf grünen Hängen zwischen schwarzen Massen von Fels.
...
(Bergtundra, S. 106)
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