23.7.07

Jokkmokk 2000

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Und das alles also soll jetzt hier in Jokkmokk, in diesem Hotel, zusammenkommen, wenn die Entwicklung des Ganzen sich zum Millennium jährt:

Der „samische Schlaf“ und das „Kino 2000“. Das „höchste Feuerwerk der Welt“ und das „Dampfbad im Freien“. „Die Steinzeit-Show mit Bogenschießen und Bärenspeer“ und die „Mega-Disco mit Lasershow“. „Hundeschlitten-Safari“ und „Motorschlitten-Safari“, „Mittagessen am Lagerfeuer“ und „Besuch einer Rentierkoppel“. Die „längste Eistheke der Welt“ und die „Nordlicht-Tour“. Der „samische Jahrmarkt“, die „samische Show“ und der „Transfer in Bussen und PKW (auf der Fahrt werden Videofilme gezeigt)“. „Gewichtheben mit Met“, „Baden im Eisloch“, „Skifahren“, „Axtwerfen“. „Übernachtung mit modernem Komfort“ oder „alternativ, auf Rentierfellen im Samizelt“. „Einkaufsbummel“ und „Polarzertifikat“...

Tausend Jahre Zivilisation – und als krönendes Resultat das Leben eine einzige, global etablierte Walt-Disney-Show?

(16.999 SEK pro Person)

Oder, wie Birgit Kotzan, Produktchefin von „Nouvelles Frontières“ auf einer im Eishotel arrangierten Messe für Reise­ver­anstalter zusammenfaßt: „Ein Traumland für anspruchsvolle Touristen. Hier gibt es Abenteuer, Kultur, Natur und diese ganz einmalige Samenwelt. Ich habe ähnliches in Kanada gesehen, aber nicht annähernd so echt“.

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(Bergtundra, S. 68)

22.7.07

6. Juli / Zwischen Áras und Álatjåhkka

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Heute hing mir nach, daß in der Nacht diese alte chronische Nebenhöhlenentzündung wieder aufgeflammt ist, mit allen üblichen Symptomen, Kopfschmerzen, Übelkeit, kaum Schlaf...

Prompt auf dem Rückweg – das Grau hatte sich nach oben verzogen, kein Hauch rührte sich, und vom Boden stiegen dicht die Mücken herauf – zu ungeduldig gewesen, zu früh hinuntergegangen und in einige Schwierigkeiten mit den Schlingenarmen von Weiden, den verstrickten Zweigen von Zwergbirkengestrüpp geraten...

Das Tal schneidet hier in eine andere, nahrungsarme Gesteinsschicht hinein. Die Bäche verlieren ihren übersprudelnd glitzernden Charme und quälen sich glitschig verbissen zwischen stumpfem Geröll. Das Weidengrün wird dumpfer, bekommt höhere, widerständige Äste. Auf den trockenen Partien stockt dunkel Zwergbirke, schließt sich undurchdringlich zusammen. Und schließlich überlebt auf den Rücken der Esker, den wirren Haufen des Moränengeschiebes, nur noch schüttere, fast braunrot vertrocknete Blaubeerheide. Alles Blühen ist wie fortgewischt. Nur auf den Mooren sickern noch manchmal mit dem Wasser Nährstoffe herunter, und man findet – sozusagen mitten im Niemandsland des grobverhärteten Wachstums – lindgrün glänzende Blätterbögen, rosarot wächserne Blütenrispen. Das ist eine der Gymnadeniaarten, die hier trotz allem blüht.

Gegen Mittag schien durch das Grau schwach wärmendes Sonnenlicht, und ein Abglanz milder Heiterkeit legte sich über das Land.

Ich ging auf der anderen Seite des Miellädno weiter, nach Osten, in das Innere des Landes hinein. Auch hier ist der Boden arm: Am Hang stocken Moore, Weiden wachsen weiträumig herauf. Aber wenn man nur achtsam genug auf das Wachsen der Weiden sieht, auf den Wechsel in der Struktur des Moorgrases, und dazu noch einiges über das ineinanderfließende Muster von Mooren und Weiden und steinigem Boden weiß, dann findet man einen Weg, der sich leise und leichtfüßig geht, sich wie selbstverständlich in den Fortgang des Landes fügt, Schritt für Schritt und immer weiter fort.


Die Jungen der Moorschneehühner sind schon lange mit winzigen spitzen Flügeln schwirrend im Dickicht der Weiden verschwunden, die scharfen Schatten der Falkenraubmöwen, ihre gellend-kreischenden Angriffsflüge sind schon lange in der Stille versiegt. Karge Weite umgibt einen, man geht in sie ein.

Irgendwann später verbleiben vom Áras dann nur noch niedrige Rücken und im grauen Grün der Weiden, im stumpfen Grau des Gerölls, im braunen Beige der Moore öffnet sich eine Wiesenmulde: Gelbe Veilchen leuchten in der Sonne. Im lichtdurchschienenen Grün der Kräuter und der Gräser glitzert ein Bach. Felsenbänder schichten sich, wohlgegliedert, in die Höhe. Dort setzt man seinen Rucksack ab, ruht und trinkt vom Wasser, das, in dunkler Erde eingegraben, kühl und murmelnd fließt und nach all den Regentagen glasklar gleißend Wasserkörper über grüne Wiesenränder schmiegt.

Alte Berge steigen ringsherum zu runden Kuppen auf und tragen kein Eis der Gletscher mehr. Weiden, Sand der Eiszeit, junge Moore, alte Esker folgen jetzt dem weiten Schwung des Tales und zwischen ihnen leuchtet, eisblau, türkisblau, Wasser von den nahen Gipfeln. Zacken, Grate, weiße Gletscher füllen dicht den Horizont und ragen vom fernen Talgrund in das Blau des Himmels auf. Und am Boden liegen massig Blöcke aus grauem Stein verstreut und werfen dunkle Schatten im Tal des Miellädno.


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(Bergtundra, S. 88)

2. Juli / Stáloluoktastugorna

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Westwindwetter. In heftigen Böen treibt es die Wolkenmassen über die Gletscherberge, drückt sie tief hinunter. Sie fahren als sausender Nebel herein, ballen sich schwarz zusammen, werden vom Wind zerfetzt und aufgerissen. Der Sturm peitscht den Regen fast waagrecht, Schauer prasseln herunter, flüchtiges Sonnenlicht streift über das Wasser. Im Virihávrre wechseln die Farben in Schichten und Streifen, gletschergrün, bleigrau und blaugrau, hell aufstrahlendes Grüngelb. Windzerpeitschte Wellen fahren darüber, vom Horizont im Westen bleibt nur ein sich verdichtendes Grau. Das Wasser, in Aufruhr, zerfließt darin.

Im Osten liegt das Hochland im Nebel versunken. Grün-dunkle Massen ansteigender Hänge führen ins diesige Nichts.

Am Strand blühen im sandigen Boden rosarot-weiß, silbergrau, sammetweich Katzenpfötchen.


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(Bergtundra, S. 79)

20.7.07

Bergtundra

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"Tunturi“ auf Finnisch, wo die „baumlosen Hügel“ sind, das ist die Tundra. Sie führt bis an das Eismeer heran, erstreckt sich mit ewigem Bodenfrost zirkumpolar um die Erde, wird in Alaska zum „unfruchtbaren Land“ oder den „barren grounds“, reicht dann noch bis an das ewige Eis der Polregion fort, hat hier im Land, auf den Höhenzügen der Skanden, ihre Ausläufer tief in den Süden hinunter gestreckt:Duottar“ im Samischen, was soviel wie „vidsträckta fjällviddar“ im Schwedischen heißt, das weite Hochland der Berge, die Vidda.

„Wo die Bäume nicht mehr wachsen können und auch die Weidenbüsche immer niedriger und kleiner werden“, so heißt es in den Umschreibungen der Naturwissenschaft, ja manche Botaniker sprechen sogar von „abiotischen Lebensbedingungen“.

Aber was heißt das schon, wenn man an einem wolkenverhangenen Frühjahrstag auf blühenden Matten von Rhododendron lapponicum liegt, und dort noch Zypressenheide mit weißgekräuselten Glöckchen steht, und hier noch Alpenazalee sich lachsrosa dazwischen schiebt und rings um einen, im Brausen des Windes, sich die Gipfel verhüllen, enthüllen, und Regenbögen von unten aufsteigen und Seen perlmutterfarben zu glänzen beginnen und wieder im Grau des Himmels verschwinden?

Nichts anderes doch, als daß die Blumen, die Gräser, die Büsche dichte Polster ausbilden, in Ausläufern, in Rosetten sich eng an den Boden schmiegen, auf jeden winzigen Unterschied mit anderem Wuchs und anderem Sein reagieren, und so zusammen mit Moosen und Flechten, eng miteinander verwoben und ineinander geschützt, die „rished“, die „grashed“ und „örtrika fjällängar“ bilden. Es gibt keine richtigen Worte des Südens für die Kältesteppen des Nordens, wo die Windheiden sind und die Dryasheiden, Zwergstrauchgesellschaften und krautreiche Grasheiden, Quellfluren, Frostmusterböden, Bültenmoore und Steinringzentren, Blockmeere und Schneebodenvegetation.

Der Blick wird frei, der Fuß schreitet leichter aus, und fast ist es, als könne man hier, in der Tundra der Berge, der Vidda, der endlosen Weite, auch wieder zu fliegen beginnen.

Die Freiheit, so sagen manche, fängt über der Baumgrenze an.
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(Bergtundra, S. 6)