6.8.07

Aktse, 12. Jan.

...

Etwas über das Glitzern des Schnees schreiben. Es ist natürlich von dessen Kristallstruktur abhängig, aber es entsteht nicht immer, und je nach Licht wird es anders.

Im Mondlicht ist kein Rot, kein Gelb, nur leichtes Grün, ein Hauch von Blau, so daß es fast durchsichtig scheint. Dieses klare Leuchten sammelt sich im Schnee und wird dort zu einem von unten heraufsteigenden, sanftweißen Glühen. Schatten schmiegen sich in seine Tiefe, durchsichtiges Schwarz, das dunstiges Grün in sich erahnen läßt. Darüber sind funkelnde, vierkantige Lichter ausgestreut, irren winzige, blendende Lichter umher. Sie gleißen mit jeder Bewegung anderswo auf, sind anderswo fort, schweben – wenn man still steht – bewegungslos über der Tiefe des Weißen. Von unten steigt eine Ahnung von Blau herauf, im weißen Glühen erscheint aufdämmerndes Grün. Und darüber sind Lichterfunken, farblos und rein.

Der Mond selbst ist befremdend fern davon, im Weltraum, gelb ge­rundet und voll.

...
(Bergtundra, S. 246)

Aktse, 10. Jan.

...

In der Nacht war das Licht des Vollmondes so stark, daß die Dinge auf der hellen Schneeoberfläche schwarze Schatten warfen. Und auf fernen Schneegipfeln schimmerte das Weiß licht.

...

(Bergrtundra, S. 245)

3.8.07

Aktse, 9. Jan.

...

Sturm in der Nacht. Vor der Tür eine hohe Schneewehe: ca. 20 cm Neuschnee. -12° C. Und immer noch wütender Wind.

Die Wolkenschicht hat sich etwas nach oben verzogen. Man sieht die ansteigenden Berghänge des Tales, den Felsenkern des Nammásj. Dahinter ist ein grauweißes Wetterloch, darüber eine geschlossene Wolkenfront.

Die üblichen Versorgungsarbeiten: Schnee von den Türen wegschippen, Abfallwasser zur Sickergrube bringen, Wasser aus der aufgehackten Stelle im Bach holen, Holz sägen und hacken. Heute durch den Sturm erschwert, durch den Neuschnee, den Driftschnee. Stellenweise watete man bis zu den Knien im losen Weiß, und die Spur, die man auf dem Hinweg zum Bach sich erarbeitet hatte, war auf dem Rückweg schon fast wieder zugeweht.

Der Wald hat sich in seiner oberen Hälfte fast ganz von der Schneelast befreit. Aber alles, was darunter liegt, ist jetzt natürlich um so mehr zugeschüttet. Auf den freien Flächen beginnen sich die charakteristischen Muster von freigeblasenen vereisten Schneeflächen und aufgehäuften Schneedünen abzuzeichnen.

Gegen 11 Uhr hatte der Wind die Wolkenschichten so weit auseinander- und fortgetrieben, daß das Grau sich an ihren verwehtesten Stellen rosa einfärbte, feine Wolkenschleier verblaßten weißrosa, rosa durchhauchte Helle erschien. Und dann sah man in lichtestes Himmelsblau, fällt dort förmlich hinein, verliert sich darin. Man muß das Himmelsblau aus dieser sieben Tage währenden Last des Dunkelgrauen und Dichten heraus erlebt haben, um wieder zu erfassen, was sein eisiges Hellblau ist: erster Schöpfungstag, der den Himmel von der Erde schied, Anfang aller Zeiten.

Sanfter Anstieg, runde Schwünge von den Hängen werden deutlich, schwarzer Fels steigt in die Wolken. Und im dunkelsten Grau der Ferne scheint langsam Lichterweiß auf, formt sich zu Gipfeln, zu makellosen weißen Körpern hoher Berge aus.

Wer sagt, daß nur des Menschen Schönheit Eros wecke, jenen schweren Schwindel, der berauschend aus der Mitte unseres Körpers steigt, hat keine Ahnung.

...

(Bergtundra, S. 244)

1.8.07

Aktse, 8. Jan.

...

Bedeckt, -7° C, leichter Schneefall, windstill. Und dunkel verdichtetes Grau. Es reicht fast bis an das Weiße heran und läßt nur ein diffuses Licht, in dem alle Unterschiede verschwimmen. Lange draußen gewesen: durch den Fichtenwald nach Osten, und dann über den See und über die Moorflächen wieder zurück. Unangenehme Nässe: Die dünnen Schneeflocken schmelzen auf dem Anorak, durchnässen ihn fast.

Der Wald wird immer mehr zum Chaos. Die Fichten halten sich ja noch einigermaßen, ihre Zweige werden vom Gewicht des nassen Schnees nur enger und enger an den Stamm gedrückt. Aber die Birken! Was gestern noch nicht gebogen war, das ist es heute oder wird übermorgen gebogen sein. Etliche Stämme hat es schon ganz hinuntergepreßt, bald wird man dort gar nicht mehr durchkommen. Und die Tiere sind wieder unsichtbar geworden, man findet nur noch Reste von überschneiten Spuren.


Und wo die Bäume vergehen, da ist von der Welt nur noch das Graue des Nebels, das Weiße des Schneegrundes zu sehen: ein diffuses Grauweiß, das keine Nähe und Ferne, kein Oben und Unten mehr kennt. Dort bleibt einzig noch die Stärke der eigenen Bewegung als Maßstab und Richtung, ein atmender Rhythmus, der einen schützt und einen weiterträgt, fort, bis wieder die Birken beginnen, man wieder tief im Birkenwald ist.

Hohe Streben und Bögen und Stützen fahren himmelwärts im Lichten und Weißen. Helle Stämme, dunkle Zweige neigen sich sanft zur Erde, zerfließen in Hügeln und Wellen von Weiß. Honigfarbene, hochgebogene Spitzen der Birkenholzskier verschwinden im Weißen des Grundes, fließen aus dem Weißen wieder hervor, verschwinden, erscheinen.

Und dann umschließt einen auf den freien Flächen wieder das Nichts: diffuses Grauweiß, dräuendes Dunkelgrau.

Aus ihm kamen, einmal, von der im Nebel verborgenen Flanke der Berge, die Rufe vom Raben.

Das Wetter wird sich ändern.


...

(Bergtundra, S. 243)

31.7.07

Aktse, 5. Jan.

...

Immer noch so warm, -5° C. Immer noch der gleiche, fast unsichtbare, kleinflockige, dünne Schneefall. Immer noch kein Wind.

Gestern, als es schon lange dunkel geworden war, vermeinte man ein leises Wispern und Säuseln zu hören, so leise, daß man im ersten Aufmerken unsicher blieb, ob es nur im Ohr und im eigenen Kopf oder auch draußen gewesen war. Dann wurde das Wispern stärker: Man ging im Dunkeln und fühlte den Wind, wie er leicht über das Land und um die Hütte strich.


Aber später war wieder nur mehr die Dunkelheit, bewegungslos, ohne Geräusch.

Doch bleiben die Augen nicht ganz in Blindheit verschlossen. Wenn man nur lange genug in das Dunkle blickt, so erscheint eine Ahnung von Helligkeit an seinem Grund. Das ist der Schnee, der in sich noch einen letzten Rest seines weißen Leuchtens bewahrt hat. Und in der Hütte zeichnet sich schwach die dunklere Masse von Gegenständen gegen das allgemein-umfassende Dunkel ab.

Das Wort „Winterschlaf“ nimmt eine neue Bedeutung an.
Der Schnee so lose und tief, daß man ihn nur mühsam passieren kann. Der Tag so dahingehaucht, daß man in seinem Wenigen kaum etwas ausrichten kann.

In der Mitte der Dunkelheit ist man, geborgen im Warmen und Weichen, fast schwerelos, und die Träume beginnen Körper zu haben. Unmerklich fühlt man, wie ihre Gestalten um einen sind, sanft einen berühren. Wenn man damit nicht vertraut ist, so kann das wie ein alter Kinderschrecken sich einschleichen: Draußen vor der Tür ist undurchdringliches Dunkel. Wo man sich auch hinwendet, so bleibt hinter einem das Dunkel. Und sacht fühlt man im Rücken die wachsende Gegenwart von etwas anderem.

Aber im Schrecken des Dunklen sind immer nur die Gedanken von dem, was vergangen ist. Man muß einfach die Gegenwart so belassen, wie sie jetzt ist.

Heute wurde es erst um 10 Uhr dämmrig, und um 3 Uhr war es schon wieder völlig dunkel. Igendetwas Tiefgraues und Schwarzes muß über mir sein und auf das Fleckchen Erde hier herunter­drücken, es in sich erdrücken. Der dunkelste Tag bisher.
...


(Bergtundra, S. 239)

Aktse, 3. Jan.

...

Und jetzt seit zwei Tagen wieder dieses alles umschließende, tief hinabgesunkene, undurchdringlich verdichtete diesige Grau.Es läßt von dem wenigen Tag nur das Wenigste übrig: verschwommenes Restlicht, wo selbst am Mittag das Weiße des Schnees noch lichter erscheint als das Graue darüber. In ihm vergehen alle Farben, verlöschen alle Konturen. Lautloser Schneefall, und dann wieder lange nichts mehr als das blicklose Dunkel der Nacht.

Im Wald liegt der lose Neuschnee gut 1/2 m tief. Man sinkt in ihn ein, fast als wären es Federn, und dann noch einmal ein wenig tiefer in den verfestigten Altschnee darunter. Aber das natürlich nur, wenn man lange und breite „Skogsskidor“ hat, sonst versänke man wahrscheinlich ganz. Die Birken sehen aus, als ob sie eine Schlacht überstanden hätten, müde gebeugte Helden von 4 oder 10 m Größe. Der Stamm neigt sich hinunter zum Boden, die Äste schleifen schwer in das Weiße. Selbst wenn man den Neuschnee abschüttelt, so bleiben die Zweige vom Weißen umklammert – irgendwo in der Tiefe ist harter Schnee, umschließt das Zweigwerk mit eisigem Griff.


Seit dem Elch vorgestern niemanden mehr gesehen, auch keine Meisen, und im Schnee keine Spuren. Das Land versinkt in dem steigenden Weiß, in dem sich zum Dunkel zusammenziehenden Dämmer. Selbst in der Luft ist kein Widerstand mehr, nur noch –5° C anstatt –33° C.

Und herzergreifend ist, wenn aus der langwährenden Tiefe des Dunkels dann doch wieder Dämmer erwächst, das Weiß des Schnees an Substanz gewinnt, der Fichtenwald sich als zartes Schwarz vor dem Grau abzuzeichnen beginnt, Schemen von Birkengeäst im aufhellenden Himmel erkennbar werden:


Nichts anderes ist der Mittwintertag als der Hauch eines Traumes im langsamen Atmen des schlafenden Landes.

...

(Bergtundra, S. 236)

30.7.07

Aktse, 31. Dez.

...

„Schwarzwinter“, „Mittwinter“, „Dunkelzeit“.

Trunken, trunken von Farbe. Grüner Himmel, satt hervorquellendes Rot, das ist der Morgen ohne den Sonnenkörper. Von ihm kommen nur die Farben und legen sich als Widerschein sanft auf die Erde – rosenrot im weißen Schnee der Berghänge, schneerosenrotweiße Gipfel der Ferne – bevor weiches Dunkel wieder alles verwischt.

Die Nacht des Weltraums ist ferner und strahlender, beherrschender im Herbst, wo ihre Schwärze bis auf die Erde reicht, alles umgreift. Jetzt bleibt am Grund ein diffuses Weiß, bleicht von unten die Schwärze des Himmels aus. Und in seiner dunkelsten Ferne scheint milchweißes Leuchten als Antwort herab, ein schwacher Abglanz unzählig dicht versammelter Sterne.

Im Mondlicht wuchsen die Birken als schwarze Gestalten hervor, lange Finger und Körper des Schwarzen streckten sich im schwachen Glimmer des Weißen empor. Darüber war nichts als die Wölbung des nächtlichen Himmels. In seiner funkelnden Tiefe zieht der Schleier der Milchstraße hin.

Als ich kam, war Grau tief herabgesunken. Diesig verdichtetes Grau verwischte die Konturen des Staudammes, der – einmal noch, am Ende der Straßen – drohend heraufwuchs. Im diesigen Nebelgrau verschwand Lennart, der mich und meinen Proviant für sechs Wochen mit dem Schneemobil heraufgebracht hatte. Der Lärm der Maschine war in wenigen Sekunden vom Grau gedämpft, ausgelöscht worden:

Im Mitt­winter braucht es nur ein einziges leichtes Aufatmen, um zu vergessen, daß es Menschen gibt. Die wenigen Hütten hier sind unerheblich, unberührt, außer vom Schnee, vom Wetter, vom Wind.

Stille.

...
(Bergtundra, S. 235)




27.7.07

"Inlandsbanan"

...

Dann habe ich mich schon ein bißchen gewundert, wieso hier die Schaffner alle blond, weiblich und jung waren und Goldtresen an der Uniform hatten, aber der Zug dagegen war ganz normal, jedenfalls für das skandinavische Hinterland, die üblichen alten Nachkriegswagen, gemütlich und breit, abgestoßen und abgenutzt. Nur daß er eben so merkwürdig fuhr, immer wieder anhielt, die Fahrt verlangsamte, aber das klärte sich dann, als dazu eine Lautsprecherstimme begann, das zu erklären, was man nicht sah – also etwa daß diese Schotterstraße dort zu jenem Kraftwerk hinun­ter­führte, oder in diesen alten Holzbaracken einst die Eisenbahnarbeiter gewohnt hatten.

Und dann gab es da natürlich auch noch den Polarkreis. In diesem Fall war das ein weiterer Schotterweg, und daneben hatten Samen zwei Zelte aufgeschlagen und boten Souvenirs „made in Hongkong“ an. Ich weiß das so genau, weil hier die Touristen sogar aussteigen durften, um zu fotografieren und etwas zu kaufen. Und dann gab es noch eine Holzhütte, die war einmal ein Bahnhof gewesen, und noch ein verkommenes altes Holzhaus, da hatte einmal ein Heimatkünstler gewohnt...

Ja, es hatten die Verantwortlichen wirklich alles zusammengetra­gen, was auch nur annähernd als Attraktion herhalten konnte, und das muß keine geringe Mühe gewesen sein, denn es trifft sich nun einmal so, daß die Strecke der Eisenbahn hier durch eine wahrhaft von Gott verlassene – und dementsprechend elendig häßliche – Gegend führt.

Die Gletscher haben im ausflachenden Land den Schotter abgeladen und liegen lassen, darüber stockt Wasser, ist an Nährstoffen armes, eintöniges Moor, dürre Kiefern sind trübselig in der Weite verteilt. Das geht so, Kilometer um Kilometer, Meile um Meile:Schütterer Kiefernwald, wasserschwappendes Moor und Geröllfelder dazwischen. Man wünscht sich schon deswegen fort, und dazu noch stehen die Mücken dort, in dichten Schwärmen, und die Hitze lag erdrückend über dem Land, eine jener zum Meer vorgeschobenen kontinentalen Hochdruckzonen.

Neben mir saßen, massig, verschwitzt, schwedische Urlauber und aßen Kartoffelchips, Fleisch quoll über die kurzen Hosenbeine am Schenkel hervor, vom Nacken breitete sich Röte über das fettglänzende Gesicht.

Und dann gab es da auch noch die Rentiere. Was wäre Lappland ohne die Rentiere! Sie werden inzwischen, wie etwa die Kühe in Texas, in freilaufenden Herden gehalten, zugefüttert und einmal im Jahr zusammengetrieben und abgeschlachtet. Und jedesmal nun, wenn so ein Tier träge wiederkäuend in der Gegend herumstand und glotzte, fuhr der Zug noch einmal langsamer, und eine engelsgleiche Stimme flötete aus dem Lautsprecher „Reindeer to the left“, „Reindeer to the right“:

Ich war in der „Inlandsbahn“ gelandet. Dort gab es zwar keine Getränke zu kaufen, aber dafür wird den Fremden das Land gezeigt: „Reindeer to the right“.

...

(Bergtundra, S. 57)







26.7.07

Sápmi - real life - yeah!

...

Und so kommt es denn, daß sich hier, im Windschatten der Geschichte, die allerdramatischsten Kämpfe abspielen, in denen es immer zugleich um nichts und um alles geht:

Um nichts, weil die Situation, eingeschränkt wie sie nun einmal ist, ohnehin nur noch marginale Restbestände des Daseins in den möglichen Verfügungsbereich rückt. Um alles, weil eben deswegen in jede Winzigkeit das ganze Gewicht des Verlorenen und Erhofften hineinprojiziert und – stellvertretend für alles, was nicht möglich ist – in dieser Winzigkeit ausgetragen und ausgelebt wird.

Und weil so immer alles zugleich immer vollkommen nichtig und alles entscheidend ist, ist im Kampf um die Sache auch jedes Mittel erlaubt und jedes Vorgehen rechtens:



Ganz normale Unterschichtenfamilien – sie als Saisonarbeiterin in der Fischverarbeitungsindustrie, er als Langzeitarbeitsloser etabliert – beharren, als ginge es um ihr Leben, mit erbitterter Empörung auf dem Recht, am Sonntag, beim Angelausflug, selbst die letzten Meter zum Fluß noch mit dem Auto zu fahren und dabei durch die Büsche und die Ufervegetation zu brechen. Ja, sie scheuen sich nicht, das Ganze auch noch als tiefsten Ausdruck der samischen Identität einem ausländischen Kamerateam vorzuführen, unter dessen mithelfender Regie dann schließlich selbst das gewöhnliche Grillen von mitgebrachten, im Supermarkt eingekauften Würstchen zum Ausdruck eines uralten, mystischen Einklangs mit der Natur gerät...


Gänzlich triviale, ja schlichtweg mühsame und deshalb schon fast völlig zum Erliegen gekommene Tätigkeiten wie etwa im Herbst in die Wälder zu gehen und dort Beeren und Pilze zu sammeln, mutieren, sobald sie in den samischen Kulturkreis geraten, zu bedeutungsschwangeren Akten, von denen das seelische Überleben eines ganzen Volkes abhängt, so daß – weil anders die Durchführung heute nicht denkbar erscheint – man hierfür natürlich einen Geländewagen mit Anhänger braucht, geländegängige Minitraktoren und die entsprechende Ausnahmegenehmigung für deren Benutzung in der ansonsten streng geschützten Natur selbstverständlich dazu...

Und berühmt und berüchtigt sind inzwischen die Winterwochenenden in der Finnmarksvidda, wo alkoholisierte Männergangs auf Schneemobilen, mit denen man eigentlich nur fahren darf, wenn es für die Berufsausübung zwingend notwendig ist, durch die vorgeblich so geschätzte Ödnis brausen und zur Krönung des Ganzen in gemeinnützig finanzierten Wanderhütten zu einem gründlichen Abendbesäufnis zusammentreffen.

...

(Bergtundra, S. 300)

25.7.07

Fakten über Norrland

...

Holz. 23 Millionen Kubikmeter: Geschlagen im Winter 1997/98. 29,6 Millionen Kubikmeter: Geschlagen im Winter 1996/97. 30,4 Millionen Kubikmeter... Macht im Durchschnitt 650 Quadrat­kilome­ter Kahlschlag pro Jahr.

55.000 Tonnen Kupfer. 45 Tonnen Silber. 0,0015 Tonnen Gold. Jährlich. Gewonnen aus 18.000.000 Tonnen Roherz. Sie reißen die Erde auf, sie tragen die Berge ab, sie lassen den Abraum zurück. 17.944.995 Tonnen Gesteinsabraum pro Jahr.

Und Eisenerz. 940.000.000 Tonnen Eisenerz allein aus der Grube in Kiruna, das mit der Bahn zu dem Hafen in Narvik verfrachtet wird. In die Wälder schlagen sie Schneisen, entwässern die Moore mit gewaltigen Rohren, sprengen in ragende Felsen Wege hinein und füllen die Trassen mit Schotter auf, legen Schienen, gießen Asphalt –

Straßen, in die Tiefe der Wälder hinein, um das Holz dort zu holen, und Trassen, durch Wälder gerissen, durch Moore und Berge, um in den Zentren der industriellen Welt zu verkaufen, was hier, an der Peripherie des Geschehens, zu finden gewesen war.

Ich weiß noch, wie ich einmal, mitten dazwischen, wo es von der Zivilisation nichts anderes als eben die Straße gibt, wie sie, endlos, hinauf und hinab, nach Süden, nach Norden führt, den Bus anhalten ließ, um an dieser Stelle eine Wanderung in das Land zu beginnen, und dann dort, zurückgelassen, am Straßenrand stand. Der Asphalt flimmerte in der Hitze und war, nach links und nach rechts, bis zum Horizont hin, bar jeder Bewegung, verlassen. Neben mir, im groben, verstaubten Schotter, lag, schmutzig-verdreckt, der Rucksack. Dann ging es gut 1,50 m hinunter, dort stand trübe das Wasser, dann war da wieder die Schotterauffüllung, spärlich bewachsen, 2 m hinauf.
Stell dir bloß vor, dachte ich, so etwas Dämliches, wenn man jetzt beim Rumkraxeln auf diesem Schottergeröll hinfällt und sich das Knie aufschlägt. Oder wie es aussähe, vom Auto aus, wenn das Wasser unten so tief ist, daß es über die Stiefel geht und ich die Regenhose anziehen muß, um durch den Drainagegraben zu waten.


...


(Bergtundra, S. 76)









24.7.07

13. Juli / Råvejávrre 2

...

Also weiter und fort.

Mühsam nur bewahrt man die Energie, ißt im Gehen, hastig, ein paar Stück Schokolade, eine Handvoll Nüsse, bleibt, um sich auszuruhen, immer nur einen Augenblick stehen, stützt die Last des Rucksackes auf anderen Muskelpartien ab, hinunter und weiter: über gebrochenen Stein, durch stockendes Wasser, über das erste auf Schwemmsandboden heraufwachsende Moor. Altschneereste sind im Lee verwitterter Schieferhügel geblieben, ein Grashang fällt steil zum Råvejávrre hinab. Und dort erst, in der sanften Sandstrandmulde am See, am Fuß von Felsenkuppen und Hügeln, hinter denen das Massiv des Fierro noch einmal quer zur Windrichtung hochsteigt, mäßigt sich das Toben, wird erträglicher, handhabbar.

Die Stille, die entsteht, wenn im Zelt endlich das Heulen und Dröhnen in den Ohren versiegt, ist fast greifbar. Ein winziger Raum der Ruhe verbleibt, man hört, wie die Wellen leise am grauschwarzen Sandstrand aufschlagen, und darum ist das scharfe Pfeifen einzelner Böen.


Kristallklares Wasser kräuselt sich sacht zu hauchzartem Wellenrand auf. Die unruhigen grauen Wasser des Sees beginnen im Licht der hervortretenden Sonne zu glitzern. Flüchtige Wärme entsteht und erlischt wieder im jagenden Wolkengrau, in tiefschwarz herunterziehenden Wolken.

Grüne Hänge und Felsen steigen im Halbkreis um einen hinauf. Auf dem flachen Sandboden der Bucht wächst Silene acaulis, lindgrüne Polster wölben sich üppig und blühen tiefrosa, bleichrosa herauf. Weiße Hornkrautblüten schimmern von der Seite herein. Knochenweiße, feinverzweigte Flechte durchwirkt grauen Sand, reicht fast bis zu dem wassergetränkten schwarz-dunklen Saum. Lappige Flechte bringt kleine Flächen von bronzener Farbe, von tiefdunklem Orange herein. Büschel von altem Süßgras flirren trocken und bleich, vermischen sich zu den Hügeln hin mit dem satten Dunkelgrün frisch getriebenen Grases.

Eiskalter Wind trifft einen, wenn man über den Sand die wenigen Schritte zum Ufer tut, hingekauert aus dem durchsichtig-klaren Wasser schöpft.

Auf der grauen Fläche des Sees glitzern Sonnenreflexe auf, scheint unversehens Saphirblau herauf. Ferne Gletscherberge dämmern im aufgerissenen Wolkengrau herauf, verschneite Gebirgsmassive treten hervor, das gewölbte Weiß eines nahen Nischengletschers leuchtet auf.

Dann sind wieder nur noch jagende Wolken da, ziehende schwarzdunkle Wolkenleiber, Sturmwind und Regen.

Im Nachhinein sind mir diese wenige Zeiten der Ruhe und Wärme sichtbar klar gegenwärtig, in prunkender Farbenpracht überdeutlich, und doch verschwindend klein im umfassenden Dröhnen und Brausen des grauschwarzen Wolkensturmes.

Die Rentiere sind heruntergekommen. Weibchen mit großen Geweihen, heranwachsende Kälber, fressen und ruhen, dahingeschmiegt in kleinen Gruppen, auf grünen Hängen zwischen schwarzen Massen von Fels.

...

(Bergtundra, S. 106)




13. Juli / Råvejávrre 1

...

Wind, Wind, Wind, Regen und Sturmwind. Der 3. Tag, an dem die Wucht des Windes so überhand genommen hat, alles andere beiseite drängt, brutal überstimmt.

Dröhnen und Brausen, das alle Täler füllt und über den Bergen tobt. Ziehendes Wolkengrau. Vom Wind getriebenes, in sich geschiedenes Wolkengrau. Dunkelgrau, Hellgrau, Lichtgrau und Nebelgrau. Sprühende Regenschauer. Schwerfallender Regen. Nadelfein vertriebenes Regennaß, nässender Nebel.

Über Frostbültenboden und Hangmoore hochgestiegen. Am Anfang waren noch aus ihren Verstecken zaghaft Goldregenpfeifer gekommen, wagten aber nicht hochzufliegen, duckten sich, goldfarben, schwarzweiß, zwischen den Bülten. Danach war nichts Warmblütiges mehr im Land, und auch die Pflanzen verschwanden. Aufgerissener Stein von altem Moränengeschiebe dominierte, sickerndes Wasser und jene besondere dunkle Leere des Bodens, die von spät abgetauten, fast noch präsenten Schneewächten zeugt. Das Wasser war so eiskalt, daß man es nur in kleinen Schlucken zu trinken wagte. Und über einem und um einen herum: Jagende Wolken, windvertriebenes niedriges Wolkengrau. Grau-schwarz aufziehende, fortgetriebene Wolkenleiber. Schneeberge, graugrünes Gletschereis, schwarz verregneter Fels. Und Wind, Wind, der stetig zunehmend auf die Paßhöhe drückt.

Selbst mitten im peitschenden Regen, in der dröhnenden Wucht des Windes, im keuchenden Atem, im Schweiß, gibt es jenen einen zeitlosen Moment der Ruhe und Klarheit, wo im Aufstieg die Erde unter den Füßen zu schwinden beginnt und sich von unten der Himmelsraum öffnet. Man wird von der Erwartung, der Gewißheit getragen und sieht unter sich Himmel und dann darin ausgestreckt eine andere, neugeborene Welt: lockende Offenbarung, lebendige Gegenwart, dort geht man hinein.

Das Wasser rieselt in die andere Richtung hinunter, auf zusammengetragenem Schwemmsand wächst zwischen den Steinen tiefgründiges Moos. Verlorene Splitter vom Steinbrech erscheinen im dunklen Rohboden, die erste vom Wasser aufgerissene Schlucht tut sich auf. Jetzt hier noch hinunter und über das Schneefeld dort wieder hinauf, dann kann man langsam anfangen, sich zu entspannen, der Ernst des Lebens liegt hinter einem, es bleibt nur noch das einfache Weiterspazieren: Auf der sanft geneigten Hochebene läßt es sich beliebig dahin und dorthin trödeln, und wo's am schönsten ist, kann man das Zelt aufschlagen und bleiben.
Statt dessen: der Wind. Er trifft einen, sobald man aus der Schlucht herauskommt, mit doppelt bösartiger Wucht, bricht über einen herein, zerrt an der Kleidung, heult in den Ohren, schlägt mit eiskaltem Regen auf einen ein. Hinter der nächsten aufsteigenden Gipfelkette ballen sich rabenschwarz Wolken, jagen herüber, herunter. Keine Möglichkeit, Pause zu machen, Atem zu schöpfen, umzudenken: Wenn man nur eine Minute in der kontinuierlichen Anstrengung nachläßt, reißt einem der Sturm alle Wärme aus dem Leib, und man verbleibt erzitternd im klatschnassen Regenzeug, im eiskalten Schweiß.


Herunter und weiter, man kommt zu weit rechts, fällt in Schieferschluchten, von deren Existenz man bisher keine Ahnung gehabt hatte, klettert fluchend wieder hinauf, quert etliche vom Regen vereiste Schneefelder, und mit Mühe nur erkennt man die Vorsprünge und Absätze wieder, auf denen man doch schon so oft gegangen ist. All die lieblich murmelnden Bäche, die tiefrosa Steinbrechblüten neben glitzerndem Schnee, die sonnendurchwärmten Kalksteinfelsen, die weiß-gelben Blütenräder der Dryas sind wie weggewischt, ausgelöscht von dem Regen, dem Wind.


Und man steht, verlassen und bloß, in jener Weite, die auch an den freundlichsten Sommertagen noch ehrfurchtgebietend, erschreckend ist.

Um einen herum, so weit man blicken kann und darüber hinaus, gibt es nichts anderes als gletscherbedeckte Massive, schneegebänderte Bergrücken, Felsengipfel und Steilwände, rund verwitterte Hügel und Hänge, Wasser von ersten Seen, Rohboden und Schnee.


Es ist eine Kargheit so groß, daß sie im ersten Moment blendet, aber dann wäre man gerne dort geblieben und kann doch nicht.

...




(Bergtundra, S. 104)

23.7.07

Jokkmokk 2000

...

Und das alles also soll jetzt hier in Jokkmokk, in diesem Hotel, zusammenkommen, wenn die Entwicklung des Ganzen sich zum Millennium jährt:

Der „samische Schlaf“ und das „Kino 2000“. Das „höchste Feuerwerk der Welt“ und das „Dampfbad im Freien“. „Die Steinzeit-Show mit Bogenschießen und Bärenspeer“ und die „Mega-Disco mit Lasershow“. „Hundeschlitten-Safari“ und „Motorschlitten-Safari“, „Mittagessen am Lagerfeuer“ und „Besuch einer Rentierkoppel“. Die „längste Eistheke der Welt“ und die „Nordlicht-Tour“. Der „samische Jahrmarkt“, die „samische Show“ und der „Transfer in Bussen und PKW (auf der Fahrt werden Videofilme gezeigt)“. „Gewichtheben mit Met“, „Baden im Eisloch“, „Skifahren“, „Axtwerfen“. „Übernachtung mit modernem Komfort“ oder „alternativ, auf Rentierfellen im Samizelt“. „Einkaufsbummel“ und „Polarzertifikat“...

Tausend Jahre Zivilisation – und als krönendes Resultat das Leben eine einzige, global etablierte Walt-Disney-Show?

(16.999 SEK pro Person)

Oder, wie Birgit Kotzan, Produktchefin von „Nouvelles Frontières“ auf einer im Eishotel arrangierten Messe für Reise­ver­anstalter zusammenfaßt: „Ein Traumland für anspruchsvolle Touristen. Hier gibt es Abenteuer, Kultur, Natur und diese ganz einmalige Samenwelt. Ich habe ähnliches in Kanada gesehen, aber nicht annähernd so echt“.

...

(Bergtundra, S. 68)

22.7.07

6. Juli / Zwischen Áras und Álatjåhkka

...

Heute hing mir nach, daß in der Nacht diese alte chronische Nebenhöhlenentzündung wieder aufgeflammt ist, mit allen üblichen Symptomen, Kopfschmerzen, Übelkeit, kaum Schlaf...

Prompt auf dem Rückweg – das Grau hatte sich nach oben verzogen, kein Hauch rührte sich, und vom Boden stiegen dicht die Mücken herauf – zu ungeduldig gewesen, zu früh hinuntergegangen und in einige Schwierigkeiten mit den Schlingenarmen von Weiden, den verstrickten Zweigen von Zwergbirkengestrüpp geraten...

Das Tal schneidet hier in eine andere, nahrungsarme Gesteinsschicht hinein. Die Bäche verlieren ihren übersprudelnd glitzernden Charme und quälen sich glitschig verbissen zwischen stumpfem Geröll. Das Weidengrün wird dumpfer, bekommt höhere, widerständige Äste. Auf den trockenen Partien stockt dunkel Zwergbirke, schließt sich undurchdringlich zusammen. Und schließlich überlebt auf den Rücken der Esker, den wirren Haufen des Moränengeschiebes, nur noch schüttere, fast braunrot vertrocknete Blaubeerheide. Alles Blühen ist wie fortgewischt. Nur auf den Mooren sickern noch manchmal mit dem Wasser Nährstoffe herunter, und man findet – sozusagen mitten im Niemandsland des grobverhärteten Wachstums – lindgrün glänzende Blätterbögen, rosarot wächserne Blütenrispen. Das ist eine der Gymnadeniaarten, die hier trotz allem blüht.

Gegen Mittag schien durch das Grau schwach wärmendes Sonnenlicht, und ein Abglanz milder Heiterkeit legte sich über das Land.

Ich ging auf der anderen Seite des Miellädno weiter, nach Osten, in das Innere des Landes hinein. Auch hier ist der Boden arm: Am Hang stocken Moore, Weiden wachsen weiträumig herauf. Aber wenn man nur achtsam genug auf das Wachsen der Weiden sieht, auf den Wechsel in der Struktur des Moorgrases, und dazu noch einiges über das ineinanderfließende Muster von Mooren und Weiden und steinigem Boden weiß, dann findet man einen Weg, der sich leise und leichtfüßig geht, sich wie selbstverständlich in den Fortgang des Landes fügt, Schritt für Schritt und immer weiter fort.


Die Jungen der Moorschneehühner sind schon lange mit winzigen spitzen Flügeln schwirrend im Dickicht der Weiden verschwunden, die scharfen Schatten der Falkenraubmöwen, ihre gellend-kreischenden Angriffsflüge sind schon lange in der Stille versiegt. Karge Weite umgibt einen, man geht in sie ein.

Irgendwann später verbleiben vom Áras dann nur noch niedrige Rücken und im grauen Grün der Weiden, im stumpfen Grau des Gerölls, im braunen Beige der Moore öffnet sich eine Wiesenmulde: Gelbe Veilchen leuchten in der Sonne. Im lichtdurchschienenen Grün der Kräuter und der Gräser glitzert ein Bach. Felsenbänder schichten sich, wohlgegliedert, in die Höhe. Dort setzt man seinen Rucksack ab, ruht und trinkt vom Wasser, das, in dunkler Erde eingegraben, kühl und murmelnd fließt und nach all den Regentagen glasklar gleißend Wasserkörper über grüne Wiesenränder schmiegt.

Alte Berge steigen ringsherum zu runden Kuppen auf und tragen kein Eis der Gletscher mehr. Weiden, Sand der Eiszeit, junge Moore, alte Esker folgen jetzt dem weiten Schwung des Tales und zwischen ihnen leuchtet, eisblau, türkisblau, Wasser von den nahen Gipfeln. Zacken, Grate, weiße Gletscher füllen dicht den Horizont und ragen vom fernen Talgrund in das Blau des Himmels auf. Und am Boden liegen massig Blöcke aus grauem Stein verstreut und werfen dunkle Schatten im Tal des Miellädno.


...

(Bergtundra, S. 88)

2. Juli / Stáloluoktastugorna

...

Westwindwetter. In heftigen Böen treibt es die Wolkenmassen über die Gletscherberge, drückt sie tief hinunter. Sie fahren als sausender Nebel herein, ballen sich schwarz zusammen, werden vom Wind zerfetzt und aufgerissen. Der Sturm peitscht den Regen fast waagrecht, Schauer prasseln herunter, flüchtiges Sonnenlicht streift über das Wasser. Im Virihávrre wechseln die Farben in Schichten und Streifen, gletschergrün, bleigrau und blaugrau, hell aufstrahlendes Grüngelb. Windzerpeitschte Wellen fahren darüber, vom Horizont im Westen bleibt nur ein sich verdichtendes Grau. Das Wasser, in Aufruhr, zerfließt darin.

Im Osten liegt das Hochland im Nebel versunken. Grün-dunkle Massen ansteigender Hänge führen ins diesige Nichts.

Am Strand blühen im sandigen Boden rosarot-weiß, silbergrau, sammetweich Katzenpfötchen.


...
(Bergtundra, S. 79)

20.7.07

Bergtundra

...

"Tunturi“ auf Finnisch, wo die „baumlosen Hügel“ sind, das ist die Tundra. Sie führt bis an das Eismeer heran, erstreckt sich mit ewigem Bodenfrost zirkumpolar um die Erde, wird in Alaska zum „unfruchtbaren Land“ oder den „barren grounds“, reicht dann noch bis an das ewige Eis der Polregion fort, hat hier im Land, auf den Höhenzügen der Skanden, ihre Ausläufer tief in den Süden hinunter gestreckt:Duottar“ im Samischen, was soviel wie „vidsträckta fjällviddar“ im Schwedischen heißt, das weite Hochland der Berge, die Vidda.

„Wo die Bäume nicht mehr wachsen können und auch die Weidenbüsche immer niedriger und kleiner werden“, so heißt es in den Umschreibungen der Naturwissenschaft, ja manche Botaniker sprechen sogar von „abiotischen Lebensbedingungen“.

Aber was heißt das schon, wenn man an einem wolkenverhangenen Frühjahrstag auf blühenden Matten von Rhododendron lapponicum liegt, und dort noch Zypressenheide mit weißgekräuselten Glöckchen steht, und hier noch Alpenazalee sich lachsrosa dazwischen schiebt und rings um einen, im Brausen des Windes, sich die Gipfel verhüllen, enthüllen, und Regenbögen von unten aufsteigen und Seen perlmutterfarben zu glänzen beginnen und wieder im Grau des Himmels verschwinden?

Nichts anderes doch, als daß die Blumen, die Gräser, die Büsche dichte Polster ausbilden, in Ausläufern, in Rosetten sich eng an den Boden schmiegen, auf jeden winzigen Unterschied mit anderem Wuchs und anderem Sein reagieren, und so zusammen mit Moosen und Flechten, eng miteinander verwoben und ineinander geschützt, die „rished“, die „grashed“ und „örtrika fjällängar“ bilden. Es gibt keine richtigen Worte des Südens für die Kältesteppen des Nordens, wo die Windheiden sind und die Dryasheiden, Zwergstrauchgesellschaften und krautreiche Grasheiden, Quellfluren, Frostmusterböden, Bültenmoore und Steinringzentren, Blockmeere und Schneebodenvegetation.

Der Blick wird frei, der Fuß schreitet leichter aus, und fast ist es, als könne man hier, in der Tundra der Berge, der Vidda, der endlosen Weite, auch wieder zu fliegen beginnen.

Die Freiheit, so sagen manche, fängt über der Baumgrenze an.
...
(Bergtundra, S. 6)