10.10.07

Aktse / 31. März

...

Noch einmal im Wald gewesen. Das ist inzwischen so eine Art Hauswald geworden.

Selbst wenn das Wetter ganz hoffnungslos schrecklich ist*, so kann man doch immer noch in die Tiefe des Waldes gehen und dort nach den neuesten Spuren vom Schneehasen sehen. Oder die Spuren vom Fuchs und vom Eichhorn suchen. Oder sich an den zierlichen Trittsiegeln der Schneehühner erfreuen. Oder hoffen, daß man die Meisen trifft. Oder sich fragen, wo der Järv jetzt wieder geblieben ist.

Leichten Herzens irrt man von einem zum anderen, oder verirrt sich gar gänzlich. Im Wald kommt es nicht so darauf an, auf das Große und Ganze zu sehen und die Stellung des Einzelnen im Gesamten zu beachten. Der Fortgang des Landes ist darin zu finden, daß jede der Fichten immer wieder anders als die vorherige ist und jede der alten Birken von der nächsten verschieden. Jeder Wurfboden hat sein eigenes Gesicht. Jeder gefallene Stamm fügt sich anders in die Gemeinschaft des Lebendigen ein. Jede Ansammlung junger Birken drängt auf andere Weise herauf. Über die Zeit erkennt man in der Wirrnis aufeinanderfolgender Einzelheiten individuelle Züge und Landmarken wieder:

Das ist der Ort, wo der alte Wurfboden schon lange wieder bewachsen ist und Preiselbeeren üppig unter dem Schnee hervorkommen. Das ist die Stelle, wo zwischen den Fichten der Schnee sich unvermittelt zu hohen Schneehaufen türmt, zu weichen Schneekuhlen formt. Felsen liegen darunter, ein Bach schneidet ein...

* Oder die Menschheit wieder einmal völlig bescheuert und unmöglich ist... (Nachtrag v. 9.10.07)

...

(Bergtundra, s. 339)

6.9.07

16. Juli / Tarradalen

...

Tiefer kerbt sich das Tal, der Fluß verschwindet tosend in einer aufgerissenen Felsenschlucht, und nur der vorgewölbte Ausläufer des Seitenberges bewahrt noch einmal vor dem endgültigen Fall. Wacholder wachsen kniehoch herauf. Weiden breiten sich silberhell aus. Blumenwiesen schmiegen sich licht dazwischen. Storchschnabel schäumt lila-hell über gelben Tupfen vom Hahnenfuß. Sommergras wiegt sich hellgrün im Wind, schmale Weidenblätter neigen sich flirrend darüber. Über dem dunklen Bronzegoldgrün alter Wacholder streckt sich silbergrüne Blätterwirrnis herauf, streift auf jung ergrünende Nadeltriebe. Und zwischen schwarz-dunklen Wurzeln, am Grund, fließt glitzerndes, klares Wasser, blüht leuchtendes Rosarot. Im Schatten von Büschen und Bülten, am Ufersaum der Weidenbäche, leben die Orchideen fort: lindgrün glänzende Sichelblätter, wächsern schimmernde Blütenpracht.

Erste schlanke, stämmig weiße Birken stehen, Birkenwald schließt sich zusammen. Im Schatten, zwischen weißen Birkenstämmen, steigt man tiefer, watet knietief zwischen Blüten, tiefer, tiefer in das Grün hinein: Lila-helle Storchschnabelblütenblätter haften an den nassen Stiefelspitzen, Eisenhut reicht, nachtblau, dunkel, mit den Knospen hoch bis an die Schenkel.
Grober Kies von Eskerrücken häuft sich. Knorrig-weiße Birkenstämme sind bis zum Ansatz erster Äste fest umklammert von aufstrebenden Wacholdermassen. Schlanke Birken streben hoch, breiten lichte Kronen über lindgrün-weiche Wiesenhänge.

Windverwehte Wellen fahren schimmernd durch das Seggengras, seidig mattes Grün fließt sanft hinunter. Und in seiner flirrig grünen Tiefe sind unzählig-viele Orchideenwunder, größer, höher, anders aufgeblüht. Dunkles Rot gesellt sich hier zu dem Rosarot der schlanken Gymnadenia conopsea, und das Blattgrün ist getigert, blutbefleckt.

Im Talgrund werden die Blattspreiten der Segge rauher und breiter, vielfältiger. Und zwischen den Orchideen wächst, aufrecht, sonnengelb überquellend, Kaiser-Karls-Szepter herauf, dominiert mancherorts fast den Grund: lichtgelb geschwollen, dunkelrot angelaufen. Dann schieben sich wieder Bülten und Weiden dazwischen, Sumpfherzblatt und Blutauge, Altarme vom Fluß, Gräben vom Moor.


Und schließlich breitet sich ein uralter kiesiger Trockengrund aus, weißsamtiges Katzenpfötchen, zartädrig getropftes Himmelsglockenblumenblau, Goldrute und Wachtelweizen leben darauf.

Dort steht das Zelt: hingekauert neben Wacholdern und Weiden und Birken, die hochgewachsen die alte Schwemmsandfläche in der Kehre des großen Flusses ausfüllen, am tiefsten Grund des Tales, verborgen...

...
(Bergtundra, S. 116)


28.8.07

8. Juli / Über dem Álggajávrre

...

Um Mitternacht war das Blau des Himmels vollständig klar geworden. Und rings um den Horizont, über den dunklen Gipfeln, stieg orangerotes Licht auf, mischte sich mit dem klaren, in sich vertiefenden Blau.

Am Morgen war der Himmel lichtdurchwirkt. Blendend helles Himmelsblau spannte sich hoch über gebrochenen Stein, über Schmelzrieselwasser, Altschneefelder, fiel hinter den Rändern der Welt ins Unendliche fort.


Ich war wieder hinaufgegangen, zum Schneerund unter den Gletschergipfeln...


...
(Bergtundra, S. 94)

24.8.07

16. Juni, nördl. des Gurttejohka, am Quellwasserfall

...

Oben, auf der Vidda, die Überreste zweier Wohnplätze gefunden. Keine Kåten der Samen, es steht noch eine aus unbehauenen Steinen geschichtete Mauer.

Im Inneren liegen verrostete, leere, eingebrochene Büchsen. Auf den Felsen ringsherum sind ebenfalls leere Büchsen verstreut, vom Rost braun und brüchig geworden. Im flachen Tümpel einer schmelzenden Schneewächte rostet ein Haufen dieser Büchsen vor sich hin, zerböselt mit klaffenden Rissen. In der Ecke an der Mauer sind noch Überreste einer großen Batterie erkennbar, festgefroren am Boden. Stücke eines Eisenofens liegen herum, fast bis zur Unkenntlichkeit zerbrochen.

Wahrscheinlich ein Militärstützpunkt aus dem 2. Weltkrieg: Norwegen von den Faschisten besetzt, die Grenze zu Schweden ganz in der Nähe. Welcher gottverlassene kleine Haufen hat hier den Winter verbracht und sollte was überwachen?

Daß niemand nach Schweden hinüberflieht? Daß keine faschistischen Truppen nach Schweden kommen?

Absurder Gedanke in einem Land ohne Menschen, wo die Steine und Berge links und rechts dieser wahrhaft eingebildeten Grenze ganz und gar gleich aussehen. Und doch wieder: Daß Menschen „dort drüben“ umgebracht wurden und nur leben konnten, wenn sie es bis „hier drüben“ geschafft hatten.

Selten zeugt etwas so offensichtlich von der Wucht ganz und gar irrsinniger Wahnvorstellungen und ihrer Nichtigkeit wie diese verrosteten leeren Büchsen, in der Weite der Vidda verloren. Und etliche davon sind auch noch intakt, voller Nahrung gewesen, als sie zurückgelassen wurden, sprechen von der Panik, die hier einmal um sich gegriffen haben muß, von jäher Flucht.

Und lange noch später zog der Ort große und kleine Tiere an, die sich vom Inhalt der verrottenden Büchsen nährten, fett wurden an der Tollheit des Menschengeschlechts
.

...

(Bergtundra, S. 54)

23.8.07

Lärm

...

Aber ganz egal, wer nun wann über wen oder was hier die soziale Definitionsmacht erringt, so ist das Nettoergebnis all der gesammelten Anstrengungen doch immer ein und dasselbe:

Es darf der Einzelne nämlich jetzt unter gar keinen Umständen mehr etwas selbständig tun oder gar denken. Bevor er in die Welt hinauszieht und diese entdeckt, muß er zuvor gründlich und ordentlich, tiefgründig und laut belehrt worden sein, wie er es richtig zu machen und was er auf welche Weise zu sehen und wie zu erleben hat.

Das fängt bei den einfachen Dingen des Lebens an, die uns schon lange nicht mehr an sich und einfach so, sondern immer schon mit einem die passende Empfindung, das richtige Urteil beschreibenden Eigenschaftswort gegeben sind: Der „lustige Schlüsselanhänger“, das „praktische Schalenset“, die „originellen Buchstützen aus Holz“. Dann geht die Sache nahtlos über in imperative Aufforderungen: „Fühl dich frei!“Erfülle dir deinen Traum!“Genieße die Aussicht!“. Schließlich wird man mit insinuativen Beschreibungen vollends eingekreist und eingelullt: „der Wechsel der Jahreszeiten im Norden ist ein eindringliches Erlebnis, „in Abisko ist es gemütlich.

Und immer und überall schöpft das Vorgehen dabei, ohne Scham und Grenzen zu kennen, aus dem gesamten Fundus des sozialen Gewebes, wonach Dinge soziale Wertungen symbolisieren und Ereignisse ritualisiert und mit spezifischen Gefühlsregungen belegt sind: Stöckelschuhe z.B. haben immer "erotisch", Hüttenabende in Norwegen immer „lustig und gemütlich“ zu sein. Ach ja.

Am Ende, und ehe man es sich versieht, bricht das Ganze dann plötzlich mit der gesammelten Wucht des zivilisatorischen Erbes über einen herein, von der „Umwertung des Sozialstaates“, Sparte Politik und Gesellschaft, über die neueste Botschaft aus Wissenschaft und Kultur „Killerwale sind sexy!“ bis hinein in die Zukunft und den Einstieg in die Informations- und Wissensgesellschaft, wo man, unter "http://ekoturism.org/ekoturism.htm“ prompt in den Programmpunkt einer „Einwirkung auf die Einstellung und Haltung der Touristen“ gerät...

Man hält sich die Ohren zu, es schnürt einem den Atem ab, und blind sucht man, im wirren Getöse, im kreischenden Dröhnen, im wuchtigen Lärm von Hunderten, Tausenden, Abermillionen von Stimmen, die über einem zusammenschlagen und alles begraben, nach irgend etwas Greifbarem, Festem –

Holz.

23 Millionen Kubikmeter: Geschlagen im Winter 1997/98. 29,6 Millionen Kubikmeter: Geschlagen im Winter 1996/97. 30,4 Millionen Kubikmeter...

55.000 Tonnen Kupfer. 45 Tonnen Silber. 0,0015 Tonnen Gold. Jährlich. Gewonnen aus 18.000.000 Tonnen Roherz...

...


(Bergtundra, S. 74)


22.8.07

Aktse, März, Notizen von unterwegs

...

Und dann muß ich noch von den Wasserfällen aus hellblauem Eis berichten, die in den schwarzen Felswänden hängen. Irgendwo, himmelwärts, fallen sie ewig, in Stille.

Und von den Fichten.


Besonders wenn man alleine ist, die eigene Spur sich im diesigen Weiß, im dunstigen Grau verwischt und man lange in dieses sich zusammenschließende grau-weiße Nichts hineingefahren ist, dann ist die erste Fichte, die auftaucht, schemenhaft, dunkel, ein Anker, eine Rettung in der fast haltlos gewordenen Weite. Man fährt darauf zu, sieht dichtes Dunkelgrün wirklich, leibhaftig werden, sieht eine schützende Mulde am Stamm, überdacht von weit gebreiteten Zweigen. Das Weiß wird weicher, der Wind läßt nach, der Fichtenwald schließt sich um einen. Von trockenen Zweigen hängt schwarze Flechte, aus den Stämmen tropft Harz. Massives Leben umgibt einen, trotz allem.

...

(Bergtundra, S. 332)


21.8.07

Aktse, März, Notizen von unterwegs

...

Aber näher noch als der Mond war mir sein Licht.

In der Grube aus Schnee, vom Schlafsack, vom Biwaksack dicht umhüllt, öffne ich aus dem Halbschlaf heraus die Augen und sehe in reinweißes Glimmen, in tiefweißes Glühen, in schimmerndes lichtes Weiß, aus dessen heller Tiefe blendendweiße Lichterfunken zerstieben.

Vor mir pulsierte die Schneewand im Licht des Mondes, Elfenlicht war auf die Erde niedergestiegen, farblos und rein.

...

(Bergtundra, S. 331)

20.8.07

Aktse, März, Notizen von unterwegs

...

In den Nächten ist die Stille manchmal so dicht, daß man in den Ohren das Rauschen des eigenen Blutes zu hören, das Schlagen des eigenen Herzens zu fühlen vermeint und sich darüber zu verwundern beginnt: Eine solche eigenwillige kleine Lebendigkeit dort in einem!

...
(Bergtundra, S. 332)

16.8.07

Aktse, März, Notizen von Unterwegs

...

Die letzten 3 Tage fort gewesen ...

...am Fuß einer großen Fichte geschlafen, neben mir die Spur vom Gulo gulo, der Felsenkatze, dem Vielfraß, dem Järv: tief eingedrückte, überhandgroße Tatzenspuren mit schmaler Ferse und langen Krallen...

Man tut nicht viel, wenn man so – in den Tiefen des Schlafsacks vergraben – sich in die eisigen Falten des Landes schmiegt. Im Warmen geborgen sieht man zu, wie der Tag vergeht. Sieht, wie der Dämmer steigt, die Nacht beginnt, und trotzdem immer noch vom Licht ein Schimmer im Schnee verbleibt. Um einen sind Schatten, Konturen, dunkle Leiber, helle Flächen...

Am Grund, in der lichten Grube geborgen, hört man, wie über einem die Zweige aufbrausen. Ein dumpfes Grollen entsteht im Dunkel des Waldes, fährt hoch in der Ferne himmelwärts und vergeht in der Weite und beginnt wieder aufs neue von unten heraufzuschwellen...

Am grauen Stamm der Fichte, an den goldbraun hervortretenden Wurzeln, schmiegt man sich in die Körperwärme, in den schützenden Schnee, und hört der Bewegung ringsherum zu: Dem nahen und fernen Flüstern und Knacken. Dem langsam beginnenden, alles umfassenden Tönen...

Es kann auch sein, daß man des Nachts wieder einmal die Augen öffnet, und dann ist über einem ein kaltes und weißes Licht, zerfetzt und verdüstert von Wolkengrau.

Und irgendwann – wann? – fährt man aus der Tiefe des Schlafes auf:Ein jäher, raumergreifender Schlag war im Land, ein dumpfes, gewalttätiges Dröhnen, das abrupt in sich selber erstickte. Dort, an der Steilwand, die über dem Wald ragt, wird eine Lawine niedergegangen sein.

...

(Bergtundra, S. 326...)






13.8.07

Aktse, 10 März

...

Auf der freien Fläche des Deltas steht der N/W-Wind mit unverminderter Kraft, peitscht den Schnee auf, reißt ihn davon.

Weiße Fontänen aus Schnee leuchten in flüchtiger Sonne auf, wandern über den Grund, fauchen weiß hoch hinauf, umschließen einen, ziehen sirrend und huschend weiter davon.

Man geht mit dem Sturm, wird von ihm getrieben, dreht sich ein wenig zur Seite, will gegen die Strömung, wankt in jäh verstärkten Böen, kämpft sich gegen unstet-beständigen Druck voran, rutscht auf den Hügeln nach hinten.

Es dröhnt in den Ohren, die Welt um einen verschwimmt. In jede Ritze der Kleidung, die man nicht sorgfältig verschlossen hat, greift es eiskalt hinein, tausend Hände zerren und Stimmen kreischen.


...

(Bergtundra, S. 319)

Aktse, 7. März

...

Heute sah ich, wie aus dem Nichts der Wind entstand.

Erst war es, auf der weißen Fläche des Hügels, nur ein flüchtiger Wirbelkreis, feiner Neuschnee stob in der Höhe davon.

Dann hob von unten ein sanftes Rauschen an, murmelndes Dröhnen, Vibrieren begann und stieg über dem Wald auf: Schnee zerstiebt von den Fichten. In den Astgabeln der Birken zerplatzen einzelne Schneetuffs, Schneebrocken legen sich still auf das weiche Weiße darunter.

Dann war der Wind überall, floß als eine geschlossene Masse von Luft über das Land, aber noch sacht.

Später fuhr von den Dächern fauchend der Schnee, trieb es den losen Neuschnee von unten davon.

Der Wind hatte jetzt eine Stimme bekommen, er sang, wenn man in ihm ging, und um die Kanten der Hütten war in den Böen ein dumpf aufheulender Ton.

...

(Bergtundra, S. 312)





9.8.07

15. Juni / Gurttejohka

...

Im eisigen Wind, neben blühender Blauheide gekauert, sah ich dem Balztanz des Schneehuhns zu. Erst die schnelle Bewegung des Fliegens, im Bogen aufsteigend, steil wieder herunterfallend. Dann die schwarzweiße, eisige Federpracht über der braunen Zwergstrauchheide: Aufgerichtet, versteift, den Hals nach vorne gestreckt, den Schwanz auseinandergefächert, zeigt der Vogel seine Begierde.

Auf der Vidda, unter tiefhängendem Wolkennebel, im eisigen Sprühregen, wo in den Seen und Tümpeln noch Eis schwimmt und Schneefelder ein fließendes Muster bilden, war ich und sah Mornellregenpfeifer ziehen. Sie flogen zu dritt und jagten sich dahin und dorthin. Zarte, aufrechte Wesen sind mit mir auf der Welt, apricotfarben blüht ihre Brust herauf, und ihr schwarzweißer Scheitel ist kühn geschwungen. Aus ernsten Augen, so scheint es, schaut über der flaumweich vertieften Farbe der handgroße Vogel dich an.

Im Zelt, irgendwann einmal in der Nacht – oder war es schon Morgen? – auf die Geräusche des Landes gehört. Vom Quellwasserfall steigt dichtes Brausen und Sausen auf. In ihm entstehen freundliche helle wispernde Stimmen, singendes Fauchen fährt vom Wind darüberhin, und dann, wie eine Handvoll silbriger Eisnadeln geworfen, beginnender Regen.

Und auf der Vidda treibt das Licht unbeständig wechselnde Spiele, gleißende Helligkeit, streifende Wärme, eisiges Dämmergrau.

...

(Bergtundra, S. 51)



8.8.07

Stadt

...

Es gab Endlosmauern aus Beton, in denen sich immer wieder die Abdrücke von Brettern wiederholten.

Es gab Mauern aus Metall, in Kästen eingeteilt und aufgebaut.

Es gab welche aus rosarotem Sandstein, scharfkantig behauen und weich-bröselig angewittert, und welche, die aus Papierschichten zusammengeklebt waren, eine über der anderen, bunt gekrümmt.

Und Mauern gab es, um nur einige noch zu nennen, auf denen Glassplitter in einem erstarrten Betonbrei steckten, und welche, auf denen lagen die Kratzer- und Filzstiftspuren, die Tesafilmecken und Fetzen von aufgeklebten und wieder abgerissenen bedruckten Seiten, die alten Kaugummis und Brandspuren so dicht, daß sie den Untergrund fast ganz bedeckten, und andere, die waren so widerständig, daß nur dicke Ölfarbe und der Schmutz des smoggesättigten Regens mit ihren Fließspuren daran haften blieben.

Und in diesem ganzen System von Mauern, zu dem das Gekritzel und Gekrakel der Information schließlich genausogut wie alles andere dazugehörte, in seiner Mitte sozusagen, standen hinter einem Bauzaun:

Die rissigen grauen Putzmauern eines Altbaues mit holzvernagelten Fenstern und einer roten Fahne im dritten Stock. Die rohen dunkelroten Backsteinmauern einer leerstehenden Fabrik mit Reihen über Reihen von eiseneingefaßten Fenstern, die oberste Reihe bisweilen nachts noch hell erleuchtet. Zwischen diesen beiden zog sich, kaum mannshoch, eine halbverfallene Backsteinmauer hin.

Und über diese schäumte, man kann es nicht anders sagen, eine Pflanze.

...
(Wegerich und Schlangenhaut - Vom wilden Leben in den Städten, S.22)

7.8.07

Aktse, 21. Jan.

...

An solch klaren Tagen ist die Farbe des Himmels azurblau, mit leuchtendem Grün unterlegt, im Zenit zum allerlichtesten Hellblau geweitet.

Am Abend sammelt sich dann das Lichtergrün rings um die Erde, wird klarer und intensiver, solange, bis von oben die Nacht sich sättigt, dunkles Blau weit nach unten sinkt, und in der letzten Helle des Übergangs der Abendstern flirrt. Aus ihm dann gebiert sich, ein über das anderemal, strahlendes Sternengelb in die zunehmende Schwärze des Firmaments hinein: Sternklare Nacht, glasklares Dunkel.

Heute wuchs daraus fahlgrünes Nordlicht hervor, leuchtete hinter dem Leib der Erde empor. Über dem weißen Rücken der Berge stand hellgrüner Lichterschimmer. Aus dem ragenden schwarzen Dreieck des Skierffe flackerten hellgrüne Flammen aus Licht empor. Lautlos zog sich ein hellgrüner Schleier aus Licht vor das Gewölbe der Sterne.

...
(Bergtundra, S. 266)

Aktse, 21. Jan.

...

Man beginnt im schattenlosen Licht des frühen Morgens zu steigen. Unter einem wird das Tal tiefer und tiefer, in den hohen Schneegipfeln der Ferne scheint Rosenrot auf.

Dann ist man über den Fichten und sieht tief unten die Eisfläche des Sees gebreitet, sieht, wie sich das große Delta dort unten hereinschiebt, mit weißen Flußarmen, erhobenen Inseln und eisgrünen Moorseen prunkt. Aus diesem Grund steigt der Schatten der Berge auf, und das Rosenrot sinkt zu ihm herab.

Schließlich erreicht man, zwischen den letzten Birken, in der sich öffnenden Weite des Kahlfjälls, die Wärme des Sonnentages:

Lichtreflexe sind im Schnee, Schatten heben das Relief jeder Windverwehung, jeder gestrichelten Eisfläche deutlich hervor, Hitze erfaßt den Körper. Ohne Jacke steigt man weiter, eisklare Luft berührt pulsierend blutwarme Haut, weiter und hoch.

Beginnender Driftschnee ist zu Wogen und Wellen verpackt, in Kanten ausgemeißelt, zerschliffen worden. Eisflächen aus grob verpreßten Kristallen fügen sich zu runden Mustern und schrägen Bahnen zusammen. Matte Flächen ziehen sich hoch, windverblasener Schnee hat sich hier auf einer dünnen Schicht Harsch verhakt und eine stumpfe Weichheit erzeugt, die beim Darüberfahren in dünnen Eisschollen hinunterbricht.

Weiter und höher, höher und weiter, bis nur noch Weite ist, weiße gerundete Formen und Linien ins Nirgendwo fallen, und tief, tief unten am Horizont die Hügel des Waldlandes blau in der Ferne vergehen...


...
(Bergtundra, S. 264)

6.8.07

Aktse, 12. Jan.

...

Etwas über das Glitzern des Schnees schreiben. Es ist natürlich von dessen Kristallstruktur abhängig, aber es entsteht nicht immer, und je nach Licht wird es anders.

Im Mondlicht ist kein Rot, kein Gelb, nur leichtes Grün, ein Hauch von Blau, so daß es fast durchsichtig scheint. Dieses klare Leuchten sammelt sich im Schnee und wird dort zu einem von unten heraufsteigenden, sanftweißen Glühen. Schatten schmiegen sich in seine Tiefe, durchsichtiges Schwarz, das dunstiges Grün in sich erahnen läßt. Darüber sind funkelnde, vierkantige Lichter ausgestreut, irren winzige, blendende Lichter umher. Sie gleißen mit jeder Bewegung anderswo auf, sind anderswo fort, schweben – wenn man still steht – bewegungslos über der Tiefe des Weißen. Von unten steigt eine Ahnung von Blau herauf, im weißen Glühen erscheint aufdämmerndes Grün. Und darüber sind Lichterfunken, farblos und rein.

Der Mond selbst ist befremdend fern davon, im Weltraum, gelb ge­rundet und voll.

...
(Bergtundra, S. 246)

Aktse, 10. Jan.

...

In der Nacht war das Licht des Vollmondes so stark, daß die Dinge auf der hellen Schneeoberfläche schwarze Schatten warfen. Und auf fernen Schneegipfeln schimmerte das Weiß licht.

...

(Bergrtundra, S. 245)

3.8.07

Aktse, 9. Jan.

...

Sturm in der Nacht. Vor der Tür eine hohe Schneewehe: ca. 20 cm Neuschnee. -12° C. Und immer noch wütender Wind.

Die Wolkenschicht hat sich etwas nach oben verzogen. Man sieht die ansteigenden Berghänge des Tales, den Felsenkern des Nammásj. Dahinter ist ein grauweißes Wetterloch, darüber eine geschlossene Wolkenfront.

Die üblichen Versorgungsarbeiten: Schnee von den Türen wegschippen, Abfallwasser zur Sickergrube bringen, Wasser aus der aufgehackten Stelle im Bach holen, Holz sägen und hacken. Heute durch den Sturm erschwert, durch den Neuschnee, den Driftschnee. Stellenweise watete man bis zu den Knien im losen Weiß, und die Spur, die man auf dem Hinweg zum Bach sich erarbeitet hatte, war auf dem Rückweg schon fast wieder zugeweht.

Der Wald hat sich in seiner oberen Hälfte fast ganz von der Schneelast befreit. Aber alles, was darunter liegt, ist jetzt natürlich um so mehr zugeschüttet. Auf den freien Flächen beginnen sich die charakteristischen Muster von freigeblasenen vereisten Schneeflächen und aufgehäuften Schneedünen abzuzeichnen.

Gegen 11 Uhr hatte der Wind die Wolkenschichten so weit auseinander- und fortgetrieben, daß das Grau sich an ihren verwehtesten Stellen rosa einfärbte, feine Wolkenschleier verblaßten weißrosa, rosa durchhauchte Helle erschien. Und dann sah man in lichtestes Himmelsblau, fällt dort förmlich hinein, verliert sich darin. Man muß das Himmelsblau aus dieser sieben Tage währenden Last des Dunkelgrauen und Dichten heraus erlebt haben, um wieder zu erfassen, was sein eisiges Hellblau ist: erster Schöpfungstag, der den Himmel von der Erde schied, Anfang aller Zeiten.

Sanfter Anstieg, runde Schwünge von den Hängen werden deutlich, schwarzer Fels steigt in die Wolken. Und im dunkelsten Grau der Ferne scheint langsam Lichterweiß auf, formt sich zu Gipfeln, zu makellosen weißen Körpern hoher Berge aus.

Wer sagt, daß nur des Menschen Schönheit Eros wecke, jenen schweren Schwindel, der berauschend aus der Mitte unseres Körpers steigt, hat keine Ahnung.

...

(Bergtundra, S. 244)

1.8.07

Aktse, 8. Jan.

...

Bedeckt, -7° C, leichter Schneefall, windstill. Und dunkel verdichtetes Grau. Es reicht fast bis an das Weiße heran und läßt nur ein diffuses Licht, in dem alle Unterschiede verschwimmen. Lange draußen gewesen: durch den Fichtenwald nach Osten, und dann über den See und über die Moorflächen wieder zurück. Unangenehme Nässe: Die dünnen Schneeflocken schmelzen auf dem Anorak, durchnässen ihn fast.

Der Wald wird immer mehr zum Chaos. Die Fichten halten sich ja noch einigermaßen, ihre Zweige werden vom Gewicht des nassen Schnees nur enger und enger an den Stamm gedrückt. Aber die Birken! Was gestern noch nicht gebogen war, das ist es heute oder wird übermorgen gebogen sein. Etliche Stämme hat es schon ganz hinuntergepreßt, bald wird man dort gar nicht mehr durchkommen. Und die Tiere sind wieder unsichtbar geworden, man findet nur noch Reste von überschneiten Spuren.


Und wo die Bäume vergehen, da ist von der Welt nur noch das Graue des Nebels, das Weiße des Schneegrundes zu sehen: ein diffuses Grauweiß, das keine Nähe und Ferne, kein Oben und Unten mehr kennt. Dort bleibt einzig noch die Stärke der eigenen Bewegung als Maßstab und Richtung, ein atmender Rhythmus, der einen schützt und einen weiterträgt, fort, bis wieder die Birken beginnen, man wieder tief im Birkenwald ist.

Hohe Streben und Bögen und Stützen fahren himmelwärts im Lichten und Weißen. Helle Stämme, dunkle Zweige neigen sich sanft zur Erde, zerfließen in Hügeln und Wellen von Weiß. Honigfarbene, hochgebogene Spitzen der Birkenholzskier verschwinden im Weißen des Grundes, fließen aus dem Weißen wieder hervor, verschwinden, erscheinen.

Und dann umschließt einen auf den freien Flächen wieder das Nichts: diffuses Grauweiß, dräuendes Dunkelgrau.

Aus ihm kamen, einmal, von der im Nebel verborgenen Flanke der Berge, die Rufe vom Raben.

Das Wetter wird sich ändern.


...

(Bergtundra, S. 243)

31.7.07

Aktse, 5. Jan.

...

Immer noch so warm, -5° C. Immer noch der gleiche, fast unsichtbare, kleinflockige, dünne Schneefall. Immer noch kein Wind.

Gestern, als es schon lange dunkel geworden war, vermeinte man ein leises Wispern und Säuseln zu hören, so leise, daß man im ersten Aufmerken unsicher blieb, ob es nur im Ohr und im eigenen Kopf oder auch draußen gewesen war. Dann wurde das Wispern stärker: Man ging im Dunkeln und fühlte den Wind, wie er leicht über das Land und um die Hütte strich.


Aber später war wieder nur mehr die Dunkelheit, bewegungslos, ohne Geräusch.

Doch bleiben die Augen nicht ganz in Blindheit verschlossen. Wenn man nur lange genug in das Dunkle blickt, so erscheint eine Ahnung von Helligkeit an seinem Grund. Das ist der Schnee, der in sich noch einen letzten Rest seines weißen Leuchtens bewahrt hat. Und in der Hütte zeichnet sich schwach die dunklere Masse von Gegenständen gegen das allgemein-umfassende Dunkel ab.

Das Wort „Winterschlaf“ nimmt eine neue Bedeutung an.
Der Schnee so lose und tief, daß man ihn nur mühsam passieren kann. Der Tag so dahingehaucht, daß man in seinem Wenigen kaum etwas ausrichten kann.

In der Mitte der Dunkelheit ist man, geborgen im Warmen und Weichen, fast schwerelos, und die Träume beginnen Körper zu haben. Unmerklich fühlt man, wie ihre Gestalten um einen sind, sanft einen berühren. Wenn man damit nicht vertraut ist, so kann das wie ein alter Kinderschrecken sich einschleichen: Draußen vor der Tür ist undurchdringliches Dunkel. Wo man sich auch hinwendet, so bleibt hinter einem das Dunkel. Und sacht fühlt man im Rücken die wachsende Gegenwart von etwas anderem.

Aber im Schrecken des Dunklen sind immer nur die Gedanken von dem, was vergangen ist. Man muß einfach die Gegenwart so belassen, wie sie jetzt ist.

Heute wurde es erst um 10 Uhr dämmrig, und um 3 Uhr war es schon wieder völlig dunkel. Igendetwas Tiefgraues und Schwarzes muß über mir sein und auf das Fleckchen Erde hier herunter­drücken, es in sich erdrücken. Der dunkelste Tag bisher.
...


(Bergtundra, S. 239)